DIE REVANCHE DER SCHLANGENFRAU. KLANGCOMIC FREI NACH UNICA ZÜRN


Autor*innenlesung/Performance von und mit Natascha Gangl, Rdeca Raketa aka Maja Osojnik und Matija Schellander

Unica Zürn, Ikone des Surrealismus, verwandelt sich in diesem Klangcomic zur Superheldin: der Schlangenfrau. Anagramme entstehen und vergehen, Worte werden zu Buchstaben, Buchstaben zu Rhythmus, Märchenhaftes zu einer Klangwelt zwischen Madrigal und Techno. In ihrer Femmage entwerfen die Künstler*innen eine fiktive Biografie.

„Ich träumte also in dieser vergangenen Nacht von einem schönen, gefährlichen Wesen, halb Mädchen, halb Schlange, das mordlustig war. Darum nahm man ihm alle wichtigen Organe, mit denen es Unheil stiften konnte. Man nahm ihm also die Augen, die Zunge, das Herz und dergleichen mehr, um es ganz unschädlich zu machen. Da sie so schön war, wollte man sie uns zur Augenweide erhalten, indem man sie so geschickt mumifizierte, daß sie wie lebend wirkte. Als dies geschehen war, zeigte sich (…) daß das Wesen ohne Zunge sprach, ohne Augen sah und ohne Herz lebte – ohne Blut von großer Kraft war und ohne Gehirn sichtbar Pläne schmiedete. Viel lebendiger, glühender, intelligenter war sie geworden, (…) erfüllt von einer Kraft und Wut, die unmenschlich waren.“


Preis des Berliner Hörspielfestivals. Die Begründung der Jury:

Wenn eine Reihung von Substantiven ausreicht, um eine Geschichte zu erzählen, oder genauer gesagt, eine Geschichte zu vermeiden, braucht es keine Verben. In „Wendy Pferd Tod Mexiko“, dem akustischen Bilderzyklus von Natascha Gangl und dem Elektroakustik-Duo Rdeča Raketa (das sind Maja Osojnik und Matija Schellander) reichen zwei Eigennamen und zwei Substantive aus, um den kulturellen Kosmos zwischen der Heldin präpubertärer Pferdefreundinnen-Comics und dem mexikanischen Totenkult entstehen zu lassen.

Da öffnet sich „eine Geschichte, die jemand geworfen hat ohne Ziel“ und sie trifft die Hauptfigur mit den dicken blonden Haaren wuchtig mitten in die Stirn – ein Augapfel fällt heraus und ihr wird die Frage gestellt: „Was willst Du sehen?“ Aus der (Kunst-)Geschichte des Surrealismus wissen wir, dass der erste Schnitt durch das Auge geht. Und was ist das Schlussbild in Natascha Gangls Hörspiel anderes als ein surrealistisches, auf dem ein Pferdekadaver wieder Fleisch ansetzt und zu singen

beginnt. Vielleicht weil er das Wort gefunden hat, dass im Spanischen jeden Tag wieder neu nachgeschlagen werden muss: das Wort heißt „el principio“ – der Anfang.

„Einmal sind da überall Blutspuren, ist das der rote Faden, ist er das?“, fragt sich Wendy, die nach Mexiko gekommen ist, um Pferderennen zu gewinnen und – konfrontiert mit den Realitäten dort – einer höheren Instanz das Versprechen abnehmen will auf keinen Tod Einfluss nehmen zu können. Denn die Linearität der Geschichte ist eine blutige und wir hören sie in verstörend realen Geräuschen

und O-Tönen aus Mexiko wie auch in einem aggressiven Punksong. Die Wucht mit der Wendy in ein grausiges Wonderland geworfen wird, in der sich die Welten der Lebenden und der Toten überschneiden, spürt man in den hochenergetischen Kompositionen von Rdeča Raketa.

„Normalerweise hört man auf die Bedeutung und überhört die Stimme. Man hört die Stimme nicht richtig, weil sie von der Bedeutung überdeckt ist, aber die Bedeutung ist gestorben und die Stimme des Gestorbenen, sie fragt mich: was willst du sehen?“, heißt es im Hörspiel. Und obwohl es im Hörspiel prinzipiell nichts zu sehen gibt, spannt das Hörspiel ein beeindruckendes akustisches Panorama auf.

Mamka Records – MAM01 – 1st November 2018